Die Geschichte des Pommerschen Dorfes
Dr. Christoph Langner, Stralsund
Bericht über eine Tagung
Ende Mai lud die Gemeindegruppe für Bildung und Kultur der Stettiner Universität nun schon zur 8. internationalen wissenschaftlichen Konferenz in das kleine Dörfchen Klopotowo (Klaptow) im Kreis Kolobrzeg (Kolberg) ein.
Das ungemein weit gefasste Thema dieser von den beiden Mitarbeitern der Stettiner Universität, Prof. Radoslaw Gazinski und Dr. Andrzej Chludzinski, ins Leben gerufenen Konferenz lautet: „Die Geschichte des Pommerschen Dorfes“. Zu diesem Thema werden alljährlich Historiker, Heimatforscher, Ethnologen, Sprachwissenschaftler, Genealogen, Schriftsteller und Denkmalpfleger, vorwiegend aus Polen und Deutschland, aber durchaus auch aus anderen Ländern in das beschaulich im Tal der Persante gelegene Kloptowo geladen. Im Verlauf der dreitägigen Konferenz werden von den Teilnehmern Vorträge (jeweils in Polnisch oder in Deutsch mit nachfolgender Übersetzung) zum entsprechenden Fachgebiet gehalten.
Die südliche Ostseeregion wurde seit dem Neolithikum (Jungsteinzeit) von germanischen und slawischen Stämmen besiedelt. Noch heute gilt die kaschubische Kultur als eine der ursprünglichsten in der Region. Der Begriff Pommern – wörtlich übersetzt mit „das Land am Meer“ – taucht ab dem 10. Jahrhundert in der Geschichte auf. Geprägt durch die letzte Eiszeit war Pommern stets ein Agrarland.
Pommern hat seit dem Erlöschen des Pommerschen Herzogsgeschlechtes im Jahre 1637 unzählige Umbrüche unterschiedlich-ster Art erfahren. Bereits im Westfälischen Frieden wurde Pommern unter den agierenden Mächten aufgeteilt und das westlich der Oder gelegene (Vor-) Pommern geriet unter schwedische Herrschaft (bis 1815), während das östlich der Oder gelegene Hinterpommern an Brandenburg fiel.
Nach dem 30-jährigen Krieg entwickelte sich auch die typische Besitzform in der Pommerschen Landwirtschaft. Über Jahrhunderte dominierte in Hinterpommern und noch stärker in Vorpommern der Großgrundbesitz. Ein freier Bauernstand konnte sich nur in verhältnismäßig wenigen Dörfern erhalten. Ab 1815 war Pommern gänzlich in preußischem Besitz, nach 1871 wurde es als deutsche Provinz verwaltet. Dieser Zustand hielt im Wesentlichen bis 1945 an. Im Ergebnis der Potsdamer Konferenz wurde Pommern er-neut geteilt. Wieder wurde der Lauf der Oder gewählt, um Pommern in einen polnischen und einen deutschen Teil aufzuteilen.
Ziel der Konferenzen zur Geschichte des Pommerschen Dorfes ist eine sachliche und vorbehaltslose Aufarbeitung dieser Geschichte. Dabei wir der Rahmen ungemein weit gefasst. So wurde 2009 u.a. zu Themen wie: „Die Geschichte der Bibliotheken und Leseanstalten in Pommerschen Dörfern des 19. Jahrhunderts“, „Zur sozialen Struktur der Dorfbevölkerung in der Zwischenkriegszeit“, „Anthroponymen bei Pommerschen Dorfnamen“, „Die Gutsparks der Gemeinde Alt Banzin“, „Die Blankenseesche Hufenklassifikation von 1717/19“, „Gestaltungsmerkmale der Kaschubischen Keramik“, „Das Schicksal zweier deutscher Vertriebenfamilien“, „Die Zusammensetzung und die Bräuche der Bevölkerung eines Stettiner Vorortes nach 1945“ oder über „Die Tierzucht Pommerns“ referiert.
Gegliedert wurden die Vorträge in folgende Blöcke:
• Archäologie, Geschichte
• Ethnogra?e und Literaturwissenschaft
• Sprachwissenschaft
• Landeskunde
Mit diesen Themenkomplexen werden nahezu alle Aspekte der Geschichte des Pommerschen Dorfes berührt und es entsteht ein umfassender, von den entsprechenden Experten vorgetragener Abriss über die Materie. Die Beweggründe der einzelnen Referenten sind äußerst vielschichtig und es gehört zu den großen Verdiensten der Initiatoren, dass es Ihnen gelingt, Hobbyforscher, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Familienforscher, Bauhistoriker, Botaniker, Denkmalpfleger und interessierte Laien in dieser Form zusammen zu bringen.
Zu jeder Konferenz wird von den Initiatoren ein zweisprachiger Verhandlungsbericht herausgegeben. Diese sorgfältig wissenschaftlich bearbeiteten Berichte enthalten alle Vorträge, die Quellenangaben sowie Fotos und Grafiken. Schon jetzt stellen die bisher erschienen Bände einen wertvollen Fundus dar.
Das Dorf Kloptowo – Klaptow – ist ein typisches pommersches Dorf. 1263 erstmals erwähnt, zählte es zum Bistum Cammin. 1565 wird die Familie Ramel als Besitzer genannt. Im 17. Jahr-hundert erwarb Wedig von Bonin das Rittergut. 1838 erwarb der Kolberger Kaufmannssohn Carl Zimmermann das Gut. Als sein Sohn 1910 kinderlos starb, erbte Clara von Wedel Klaptow. Deren Tochter Clara, verheiratete von Knobelsdorff, lebte bis 1945 im Klaptower Gutshaus. Dann wurde das Gut verstaatlicht. Nach 1990 erwarben mehrere Berliner Familien das 1911 in seiner jetzigen Form er-baute Gutshaus und richteten einen einfachen und preiswerten Pensionsbetrieb ein.
Am Rittergut Klaptow lässt sich exemplarisch die Geschichte der Pommerschen Landwirtschaft nachvollziehen. Bedingt durch die leichten Böden war die Region für die Schafzucht geradezu prädestiniert. Noch heute legt der 1865 errichtete Schafstall ein beredetes Zeugnis für die Wichtigkeit der Schafzucht ab. Sein Erbauer Carl Zimmermann hatte in früheren Jahren Architektur studiert und wollte diese Fähigkeiten offensichtlich am Neubau des Schafstalles unter Beweis stellen. So bemüht er in diesem Bau nahezu das gesamte Repertoire der Backsteingotik. Nicht zu übersehen sind die Anklänge an die sakrale Architektur. So finden sich Blendnischen mit kreuzförmigen Lüftungsöffnungen, Stufengiebel, Rauten und zwei Fensterrosetten, die auch einer Kirche gerecht werden würde. Im Dorf erhielt der Stall bald den Namen „Schafkathedrale“.
1867 hielt der Besitzer 2.000 Merino-Wollschafe. Pommersche Merino-Schafzüchter bestimmten zu dieser Zeit den durch die englische Tuchindustrie regulierten europäischen Wollmarkt maßgeblich mit. Im zweiten Drittel des Jahrhunderts führten die konkurrenzlosen Wollimporte aus Übersee, insbesondere aus Neuseeland und Australien, zu einem dramatischen Niedergang der Wollproduktion in Pommern.
Heute wird das eindrucksvolle Stallgebäude als Lager für Maschinen und Dünger genutzt. Es steht nicht unter Denkmalschutz befindet sich aber in einem guten baulichen Zustand – ganz im Gegensatz zu einem weiteren, agrar-historisch höchst interessantem Gebäude in Lisowo (Vossberg), ca. 50 km westlich von Klaptow. Hier hat sich eine beeindrucken-de 12-eckige Scheune erhalten. Sie gehörte ebenfalls zu einer Gutsanlage, wobei das Gutshaus nur noch als Rudiment bestehen geblieben ist. Die durch das Dorf führende Hauptverkehrsstrasse hatte früher möglicherweise einen anderen Verlauf, so dass die ursprüngliche Anlage des Gutes schlecht nachvollziehbar ist. Die mit einem flachen Dachstuhl versehene, in massiver Ziegelbauweise ausgeführte Durchfahrscheune ist mit einem Pappdach eingedeckt.
Der ansehnliche Bau erhebt sich auf einem Fundament aus behauenen Natursteinen. Blendnischen, die Ecken betonende Pfeilervorlagen, Traufgesims und Zahnfries bereichern den schlichten Bau. Auch dieses Gebäude steht nach Aussage eines Anwohners nicht unter Denkmalschutz und aufgrund massiver Bauschäden an Dach und Wänden ist in naher Zeit mit dem Einsturz zu rechnen. Leider gelang es bisher nicht, nähere Informationen zu der Scheune einzuholen, so dass lediglich die Bilder einen Eindruck vermitteln können.
Ich hoffe, dass ich mit diesem Bericht ein wenig neugierig gemacht habe auf unseren östlichen Nachbarn. Für mich war dieser Besuch eine sehr angenehme Erfahrung, zumal die Gastgeber mit typisch polnischer Gastfreundschaft aufwarteten, wozu immer eine landestypische Beköstigung gehört. Beindruckend war das weite Spektrum der Tagung und der bunt zusammengewürfelte Teilnehmerkreis, der durch das gemeinsame Interesse an der Thematik geeint wurde. Trotz dieses weiten Spektrums legten die Veranstalter höchsten Wert auf den wissenschaftlichen Charakter der Tagung. Es soll dabei nicht unerwähnt bleiben, dass die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von staatlichen Institutionen getragen wurde.








