Ansätze zum naturnahen Gärtnern(Monika Halfmann)
Naturnahes Gärtnern bedeutet, möglichst vielen einheimischen Pflanzen Raum zu geben, damit möglichst viele einheimische Tierarten Nahrung und ein Zuhause finden können.
Das naturnahe Gärtnern verzichtet auf chemische Schädlingsbekämpfungsmittel genauso, wie auf Düngemittel, Torf oder Blumenerde. Es werden die Pflanzen gesetzt, die zur jeweiligen Region, zur Bodenbeschaffenheit und zu den Klimabedingungen passen. In feuchten Marschgebieten mit viel Aufwand eine Magerblumenwiese anzulegen ist nicht der Sinn des naturnahen Gärtnerns, auch wenn die Blumenwiese noch so schön aussieht.
Dieser Artikel ist nur eine Einleitung zum Thema. Die Natur ist ein Kreislauf, der durch den Menschen und seine Gestaltungs- und Repräsentationswünsche häufig unterbrochen wird. Es ist erstaunlich, wie viele Insekten, Vögel und Klein-Säugetiere man auf einmal im eigenen Garten beobachten kann, wenn man sich an ein paar wenige Regeln hält und diesen Kreislauf nicht unterbricht.
1. Geduld und Zeit.
Heute ist das ein schwieriges Thema, weil der Garten innerhalb von Nullkommanichts wie „aus dem Ei gepellt“ aussehen muss. Verabschieden Sie sich von dieser zeitlichen Vorstellung! Wir können denkbar beste Voraussetzungen für unsere kleine Gartenwelt schaffen: die Tierwelt muss sie erstmal kennen und annehmen. Ein Frosch - an den Gartenteich „zwangsumgesiedelt“ - wird wieder die Flucht ergreifen oder eingehen. Ist er freiwillig gekommen, bleibt er, wenn ihm die Bedingungen zusagen. So ähnlich gilt es auch für alle anderen Tierarten.
2. Nicht ständig alles auf- und wegräumen
Noch ein schwieriges Thema. Ein naturnaher Garten lockt schnell das Vorurteil „Die kümmern sich nicht und wir haben dann das Unkraut in unseren Gärten“ von den Nachbarn hervor. Bewaffnen Sie sich also vorweg mit den entsprechenden Argumenten für Ihren Garten! Und stellen Sie den Laubsauger in die hinterste Garagenecke. Die Laubdecke vom Rasen holen (ihm schadet sie nur) und im Herbst auf Beeten, unter Sträuchern, an ungeschützten Stellen verteilen: hier überwintern nicht nur viele Kleininsekten sondern auch etliche Samen einheimischer Wildpflanzen.
Für die stolzen Eigentümer eines kleinen Waldstückchens: nicht alles herausholen, was von den Bäumen fällt und nicht jeden umgefallenen oder vom letzten Orkantief angeknacksten Baum mit einem Kaminlodern in den Augen zu Brennholz verarbeiten. Auch hier bietet sich eine unerschöpfliche Nahrungsquelle für Vögel und kleine Säugetiere.
Ein steriler, „durchgestylter“ und ständig bis zum letzten Kräutchen und Blättchen aufgeräumter Garten hilft niemandem und macht viel zu viel Arbeit!
3. Tiere beobachten
Um Spaß bei der Beobachtung von Vögeln, Schmetterlingen, Fröschen, Igeln oder Libellen zu haben, muß man nicht gleich einen Naturgarten nach strengsten Maßstäben anlegen oder auf die liebgewordene Kletterrose verzichten. Auch eine komplette Umgestaltung des Gartens ist nur für die „ganz Harten“ notwendig. Es genügt, ein paar Ecken einzurichten und im Laufe der Zeit explodiert die Anzahl der Besucher.
4. „Unkrautecken“ stehen lassen.
Eines der wichtigsten Wildkräuter ist die Große Brennnessel, sie lockt Schmetterlinge an: Admiral, Kleiner Fuchs, Distelfalter, Landkärtchen und Tagpfauenauge fühlen sich hier wohl. Eine kleine Ecke sollte man der sonst so geschmähten Pflanze einräumen. Wichtig: Brennnesseln vermehren sich über Ausläufer und über Samen. Daher vor der Samenreife einmal mit der Sense durch die Brennnesselecke gehen! Der Brennnessel-Schnitt ist nur dann gut für den Kompost, wenn sich tatsächlich noch keine Samen ausgebildet haben. Die Samen bleiben über Jahre im Boden keimfähig und tauchen auf einmal in ganz anderen Ecken des Gartens auf…
5. Nicht alles an Strauch- oder Baumschnitt häckseln, verbrennen oder kompostieren.
Es lohnt sich aus dem Strauch- und Astwerk einen lockeren Haufen aufzuschichten, den man vielleicht sogar noch beranken lässt. Darunter fühlt sich ein Igel zu Hause. Der Haufen ist auch ein guter Fluchtpunkt für Kröten und Frösche. Er bietet schon nach einem Jahr Vögeln Nahrung in Form von Kleininsekten, die sich in ihm ansiedeln und Zaunkönige nisten gerne darin. Dieser Haufen muss hin und wieder aufgefüllt werden, da die untersten Äste weg rotten und das Ganze immer flacher wird. Aber bitte nicht alles abräumen! Die Tierwelt wird mit zunehmendem Verrottungsprozess immer arten- und zahlreicher und bietet damit eine gute Nahrungsgrundlage. Ideal ist dafür eine Stelle, die vor starker Mittagssonne geschützt ist. Zum Beranken bieten sich z.B. Brombeeren an. Alte Sorten müssen nicht unbedingt zurück geschnitten werden und können so den ganzen Asthaufen überwuchern. Sie tragen trotzdem noch reichlich, überleben auch das Auffüllen und mit ihren Dornen schützen sie die Tierarten im Haufen vor Angreifern (z.B. Katzen, die zu gerne Nester ausräubern oder anfliegende Vogel-Eltern abfangen würden!).
6. Auf Exoten bei den blühenden Pflanzen weitgehend verzichten.
In unsere Gärten ziehen immer mehr Pflanzen ein, die bei unserer heimischen Tierwelt unbekannt sind.
Unter Experten gibt es unendliche Diskussionen darüber, was nun „exotisch“ ist und was nicht. Ist eine Pflanze, die seit dem späten Mittelalter bei uns eingeführt ist, aber nachweislich z.B. aus Asien stammt, noch ein Exot? Man kann sicherlich eine Trennung bei dem Nutzen ziehen: was bringt die Pflanze im Garten für die Tierwelt, für die Umwelt?
Unsere heimischen Pflanzen sind die besten Nektarspender für Wildbienen & Co. Gefüllte Zuchtformen der Rosen bieten z.B. keine Nahrung, dagegen haben die ungefüllten Wildformen einen hohen Nährwert.
Gut geeignet sind (Auswahl): Gelber Eisenhut, Gewöhnliche Akelei, Roter Fingerhut, Moschusmalve, Türkenbundlilie, Muskatellersalbei, Sumpfdotterblume, Pfirsich- und Rundblättrige Glockenblume, Heidenelke, Wald- und Blutstorchschnabel, Hornklee, Wilder Pastinak, Wiesensalbei, Maiglöckchen, Walderdbeere, Waldvergissmeinnicht, Große Braunelle, Weißer Mauerpfeffer, usw.
Entsprechende Züchtungen (meist Kreuzungen mit Pflanzen aus der gleichen Familie von anderen Kontinenten) erfüllen diese Aufgabe nicht.
Den Pflanzenfressern, die sich in unseren heimischen Stauden breit machen, folgen die Fleischfresser meist auf dem Fuß: Spinnen, Grabwespen, Schlupfwespen. Diesen folgen dann Amphibien, kleine Säugetiere und Vögel.
7. Bei Neupflanzungen auf Exoten als Gehölze weitgehend verzichten.
Sie ernähren weder mit ihren Früchten unsere Vögel noch mit ihrem Nektar unsere Insektenwelt. Es gibt Vergleichslisten nach denen z.B. der heimische Gemeine Wacholder (Juniperus communis) 43 Vogelarten ernährt, während der häufig wegen des höheren Zierwertes gepflanzte Chinesische Wacholder (Juniperus chinensis) nur eine Vogelart ernähren kann.
Gute Gehölze für die Ernährung von Vögeln sind: Gemeine Berberitze, Gemeine Felsenbirne, Roter Hartriegel, Schwarze Heckenkirsche, Waldgeißblatt, Vogelkirsche, Gemeine Stechpalme, Vogelbeere, Gemeiner Wacholder, Ein- und Zweigriffeliger Weißdorn.
8. Natürliche oder naturnahe Wohnräume schaffen für Igel, Amphibien, Vögel, Fledermäuse, Insekten.
Ein Igel vernichtet täglich etliche Nacktschnecken, gleiches gilt für ausgewachsene Erdkröten, Schlangen und Eidechsen. Ein Marienkäfer frisst etliche tausend Blattläuse an einem Tag. Ohrwürmer vernichten vor allem an Obstbäumen viele Schädlinge wie den Apfelwickler. Fledermäuse gehen nachts auf die Jagd nach Mücken, die Gemeine Wespe (Kurzkopfwespe) vertilgt in großen Mengen Fliegen und Mücken. Schleiereulen vertilgen die Mäuse, die sonst unsere Vorräte anknabbern würden. Diese Liste lässt sich endlos fortführen und viele angesammelte Vorurteile sind schlicht falsch: Fledermäuse sind keine Blutsauger, Wildbienen stechen nicht, Wespen reagieren nur aggressiv, wenn man ihre Nester stört und die meisten heimischen Libellen-, Schlangen- und Spinnenarten sind absolut harmlos.
Dem Igel hilft ein loser Aufbau von Ästen als Unterschlupf für den Tag. Eidechsen und Schlangen bevorzugen einen losen Steinhaufen. Für Ohrwürmer können Sie einen umgedrehten Blumentopf mit Stroh oder Wellpappe gefüllt an einen Baum hängen. Marienkäfer sind häufig auf den unteren Blättern der Großen Brennnessel zu beobachten: dort ist es kühl und feucht. Grabwespen und Wildbienen bevorzugen sonnige Standorte und nutzen für ihre Nester vorhandene Bohrgänge von Käfern in alten Bäumen.
Viele Tipps zum Bau von Nisthilfen für Ohrwürmer, Marienkäfer, verschiedene kleinere Vogelarten, Schleiereulen, Wildbienen, Igel, Fledermäuse & Co. gibt die Webseite des NABU. Bauplansammlungen für Vögel, Insekten und kleine Säugetiere kann man beim Altkreis Norden des NABU für 3,- € plus 1,- € Porto bestellen.
9. Dem Umfeld etwas „nachhelfen“
Unsere Natur gerät ein Stück weit aus den Fugen, das spüren wir immer wieder: Orkane, milde Winter, lange Trockenphasen. Wollen wir die gerade eingezogene Tierwelt erhalten, müssen wir ihr in kleinem und sinnvollen Umfang helfen. Aber nur in kleinem Umfang! Etliches regelt sich im Naturkreislauf von alleine, es gibt für alle Pflanzen und Tierarten gute und schlechte Jahre. Nachhelfen müssen wir nur dort, wo ganz einfache Maßnahmen sinnvoll sind: gibt es z.B. keinen Teich, braucht in langen Trockenphasen der Igel Wasser (keine Milch!) in einer flachen Schale mit abgerundeten Rändern. Darüber freuen sich auch etliche Vögel, wenn es lange nicht geregnet hat. Für Vögel gilt: die Tränke lieber auf ein Dreibein (ein einzelner „Fuß“ sieht zwar besser aus, ist aber nicht stabil genug!) stellen, damit eine Katze keine Chance auf Beute hat.
10. Tödliche Fallen minimieren
Lüftungsschächte, offene Brunnenanlagen, offene Regenwasserzisternen oder dicht abgeschlossene Zäune aus Maschendraht und Stacheldraht werden immer wieder zu tödlichen Fallen für etliche Tiere. Mit etwas Nachdenken können Sie diese Fallen abstellen und so das Risiko minimieren.
Statt Zäunen tut es in den meisten Fällen eine lebende Hecke aus einheimischen Sträuchern. Ein Zaun ist zur Straßenseite hin sinnvoll. Aber nur dann, wenn er den kleineren Tieren (Hasen, Kaninchen, Igel, Amphibien) Durchschlupf lässt. Er sollte also sinnvollerweise aus Holz (besser sichtbar!) und mit einem genügenden Abstand der Latten untereinander sein. Vor allem Maschendrahtzäune, die in Hecken eingewachsen sind, sind für diese Tiere immer wieder ein (meist tödliches) Problem, weil sie von außen in der Eile der Flucht nicht zu erkennen sind.
Auf einen schönen alten Brunnen gehört eine Abdeckung: zu viele Tiere plumpsen hinein und finden keinen Ausgang mehr. Sinnvoll ist eine klappbare Abdeckung aus naturbelassenem Holz. Wenn Bäume in der näheren Umgebung stehen, sollte der Deckel mit einer Gaze unterspannt werden, um Laub aus dem Brunnen zu halten.
Lüftungsschächte können mit einem Metallgeflecht abgedeckt werden. Damit verringert sich deutlich die Gefahr, dass Igel, Maulwurf und Co. hineinfallen und die glatten Betonwände nicht wieder erklimmen können.
Regenwasserzisternen werden mit einem sog. „Kleintierschutz“ ausgeliefert oder dieser Schutz kann gegen einen geringen Aufpreis zusätzlich gekauft werden. Auch das ist eine lebensrettende Maßnahme für Vögel, Igel, Hasen, Kaninchen, Maulwürfe und Amphibien, aber auch für die eigene Katze oder den kleinen Hund!
11. Nächtliche Illuminierung abschalten.
Das ist gerade in Mode: die Gärten strahlen um die Wette mit Wegebeleuchtung, beleuchtetem Pavillon, Leuchtkies auf dem Boden, strahlend leuchtender Terrasse und Spots auf den oder im Gartenteich. Das bringt die Tierwelt stark durcheinander und kostet die Tiere Kraft, die sie für die Nahrungssuche dann nicht mehr haben.
Ein warmer Sommerabend ist etwas herrliches, aber es reicht die Beleuchtung in der Nähe des Sitzplatzes. Bringen Sie diese Lampe nicht unter dem noch aufgespannten Sonnenschirm an: alle Tiere, die sich davon angezogen fühlen, finden keinen Fluchtweg mehr. Besser ist es, die Lampe freistehend oder freihängend anzubringen.
12. Beton, Zement und Asphalt vermeiden.
Sie versiegeln den Boden zu stark und verhindern damit auch die wichtige Bodenarbeit von etlichen kleinen Tierchen im Boden, bei Regenwürmern angefangen. Besser sind Wege und Mauern, die auch in den Ritzen noch Leben zulassen, also z.B. Trockenmauern aus Feldsteinen und Findlingen, Wege aus kleinteiligen Steinen in deren Fugen sich meist recht schnell kleine Pflanzen und Moose ansiedeln.
13. Auf Chemikalien verzichten.
Viele Tiere, die unsere Kulturpflanzen abfressen, bilden die Nahrungsgrundlage für Tiere, die wir gerne im Garten hätten. Es ist unterbricht also den Kreislauf, sie mit Schneckenkorn, Sprühlösungen und weiterem abzutöten.
Daher hier ein paar Tipps aus Großmutters Gartenschatzkiste:
- Schnecken mögen keine Ringelblumen, also die Salatreihe und die Erdbeerpflanzen damit „einrahmen“.
- Wühlmäuse mögen keine Schneeglöckchen, Märzbecher, Narzissen und Traubenhyazinthen. Diese in einem Kreis um die Pflanzen gesetzt, die wir schützen möchten (Tulpen, Rosen, Clematis, kleine Obstbäume etc.) hält die Wühlmäuse weg. Eine Narzissen-Reihe rund um den Gemüsegarten verhindert Fraßschäden an den Gemüsewurzeln. Wenn Sie nicht auf die Buchs-Reihe rund um den Gemüsegarten verzichten wollen, sollten Sie die Narzissen noch davor pflanzen.
- Raupen der Kohlweißlinge mögen keine Tomaten. Pflanzen Sie Tomaten und Kohl in Reihen abwechselnd. Der größte Teil der gefräßigen Tierchen geht nicht an die Kohlpflanzen, den Rest können Sie prima von Hand absammeln. Gleiches gilt auch für Sellerie, auch diesen kann man mit Kohlarten zusammen anpflanzen.
- Dill, Zwiebeln und Möhren beeinflussen sich gegenseitig und stärken sich, die Zwiebeln halten die Möhrenfliege fern und die Möhren die Zwiebelfliege. Mischen Sie Dillsamen mit Möhrensamen und bringen Sie sie in Reihen aus. Die Steckzwiebeln setzen Sie zwischen die Reihen.
- Säen Sie einjähriges Bohnenkraut rund um Dicke Bohnen, Stangenbohnen oder Buschbohnen. Das hält die schwarze Bohnenlaus fern.
- Knoblauch „stinkt“ den meisten Gartenbewohnern im wahrsten Sinne des Wortes. Daher werden Pflanzen in der näheren Umgebung gemieden. Allerdings: setzen Sie Knoblauch nicht in die Nähe von Bohnen und Erbsen. Se kümmern und liefern keine Ernte.
Von diesen Tipps gibt es sehr viele. Manche funktionieren zuverlässig, andere abhängig vom vorangegangenen Winter mehr oder weniger gut.
Fazit:
Naturnahes Gärtnern hat wenig mit den heute üblichen Gärten in unseren Städten und Dörfern zu tun. Diese Gärten sind nur auf Repräsentation ausgelegt, bieten aber unserer heimischen Tierwelt kein Zuhause und keine Nahrungsgrundlage. Das sollten wir grundlegend überdenken, wenn wir unsere mitteleuropäische Fauna und Flora in ihrer wunderbaren Vielfalt erhalten wollen.
Naturnahes Gärtnern bedeutet, dass wir unsere Beobachtungsgabe und unseren Kopf einschalten und benutzen, statt unseren Geldbeutel einzuschalten.
Vor allem bedeutet naturnahes Gärtnern aber eines: Freude beim Beobachten der Welt um uns herum. Ein Sommertag im Liegestuhl, mit dem Duft der Blumenwiese in der Nase. Libellen und Schmetterlinge beobachten, Vögel singen und Frösche quaken hören.
Weiterführendes und Quellen (Auswahl):
1.) Reinhard Witt: Der Naturgarten. BLV Buchverlag GmbH & Co. KG, München, 2. Auflage 2005
2.) Webseite des NABU: www.nabu.de 
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