Niedersachsen

Baudenkmal Gulfhaus, Klein Schulenburgerpolder

Norden

Baujahr: Scheune vermutl. 1780er Jahre, 1842 heutiges Wohnende neu gebaut

Norden, Gulfhaus Klein Schulenburgerpolder, Bestand 2022 © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Ulrike Adams und Jan Keydel
Norden, Gulfhaus Klein Schulenburgerpolder, nach der Sanierung 2023 © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Ulrike Adams und Jan Keydel

Kurzbeschreibung zum Objekt:

In der von Ubbo Emmius um 1600 gezeichneten Karte „Frisia orientalis“ ist der Bereich des jetzigen Kleinen Schulenburger Polders noch als Teil der Nordsee dargestellt.

Dort, wo um das Jahr 1600 eine große Bucht zu sehen ist, befand sich bis zu den großen Dionysiusfluten (der Tag des Heiligen Dionysius ist der 9.Oktober) am 9 Oktober 1374 und vom 8. bis zum 10. Oktober 1375 der Ort Westeel, der Stammsitz der Häuptlingsfamilie Manninga.

Ubbo Emmius schrieb dazu in den 1590er Jahren:

„Am 9. Oktober 1373 (!) erfolgte eine große Überschwemmung, wie sie seit Menschengedenken nicht gewesen war, welche sich über die ganze friesische Küste erstreckte und den Einwohnern zu schwerem Unglück gereichte. Denn sie bedeckte das ansehnliche Dorf Westeel, in einer fruchtbaren Gegend fast 2000 Schritte im Süden von Norden gelegen und gegen Aufgang der Sonne Osten schauend mit einer solchen Menge Wassers, dass alle Gebäude mit der Kirche niedergerissen und zerstört wurden, ja ein Teil des Bodens verschlungen ist und Menschen und Tiere verschwanden.“

Von Osten her begannen die Menschen in den folgenden Jahrhunderten das verlorene Land wieder einzudeichen. Zuerst wurden vor dem Außendeich Buhnen angelegt (senkrecht zur Deichlinie verlaufende, mit Reisig gepackte Pfahlreihen) wie sie auch heute noch zu sehen sind. Durch die Buhnen verringert sich die Fließgeschwindigkeit des Wassers, Schlick setzt sich in diesen Bereichen ab. Wenn genug Schlick angelandet war, wurden die Buhnenfelder seeseitig so geschlossen, dass eine Öffnung für das ein- und Ausströmende Wasser blieb. Dadurch beschleunigt sich das Anlanden.

Durch das Anlanden bildet sich ein Heller, ein mit Gras bewachsenes Landstück vor dem Außendeich, das früher von Kühen beweidet wurde. Wenn ein ausreichend großes Gebiet genügend angelandet war, wurde eine neue Deichlinie vor den bis zu diesem Zeitpunkt als Außendeich dienenden Deich gezogen.

Der Bereich zwischen dem ehemaligem Außendeich (der mit der Neueindeichung zum Schlafdeich wurde) und dem neuen Deich nennt sich Polder.

Der Klein Schulenburgerpolder sollte ursprünglich zusammen mit dem nach Norden sich anschließenden Groß Schulenburgerpolder als Schulenburgerpolder eingedeicht werden. Der Polder sollte dem damaligen „Minister von der Schulenburg zu Ehren so benennet“ werden.

Während oder kurz nach der Eindeichung, die auf 1774 datiert werden kann, kam es zu einem Deichbruch, vermutlich in dem im Satellitenbild mit blauem Pfeil gekennzeichneten Bereich. Da sich an der Stelle eines Deichbruchs in der Regel eine tiefe Ausspülung im Boden bildet (ein Kolk) ist es sehr schwer, einen gebrochenen Deich in der alten Linie wieder zu schließen.

Deshalb, und weil sich die an der Eindeichung beteiligten Personen nicht über das weitere Vorgehen in dem vom Deichbruch betroffenen südlichen Teil einigen konnten, hat man den Groß Schulenburgerpolder nach Süden mit einem Flügeldeich zum späteren Klein Schulenburgerpolder hin geschlossen. Damit war das meiste Land geschützt und die Reparatur des Deichbruchs konnte betrieben werden. Vermutlich aufgrund der Auskolkung an der Stelle des Deichbruchs wurde die neue Deichlinie etwas nach Osten versetzt gezogen.

Vermutlich in den 1780er Jahren hat man das Scheunenende des Gulfhofes Klein Schulenburgerpolder errichtet, 1842 wurde das heutige Wohnende neu gebaut. Mit ca. 46 ha bestem Marschboden war der Klein Schulenburgerpolder für etwa 150 Jahre Lebensgrundlage zuerst für eine Bauernfamilie mit Mägden und Knechten und später nur noch für eine Bauernfamilie. Der Hof befand sich stets in Familienbesitz.

Vor ca. 20 Jahren wurden die landwirtschaftlichen Flächen mit zunehmender Technisierung immer größer, die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs mit 46 ha Land schwand zunehmend. Stand 2015 werden etwa 200 ha Land für einen funktionierenden Ackerbaubetrieb benötigt.

Da im Familenumfeld kein Hofnachfolger gefunden werden konnte, sahen sich die Besitzer aus Altersgründen zum Verkauf gezwungen. So wurde im Jahr 2011 der Klein Schulenburgerpolder von einem größeren Ackerbaubetrieb übernommen. Das Hofgebäude wurde in diesem Moment für den Betrieb der Landwirtschaft endgültig entbehrlich. In dem Gebäude lassen sich weder moderne landwirtschaftliche Maschinen unterbringen, noch ist eine zeitgemäße Tierhaltung darin möglich.

Durch glückliche Fügung, konnte Jan Keydel 2012 das Hofgebäude erwerben und mit den Planungen beginnen. Unterstützung fand er in einem engagierten Team der Architektinnen Idiko Frels, Steffi Domnick und Ulrike Adams. Es erfolgte eine sehr enge Abstimmung mit den zuständigen Ämtern und Behörden. Das durch eine Restauratorin erstellte Farbgutachten, wurde Grundlage der Innenraumgestaltung.

Um das Gebäude samt Scheune erhalten- und sinnvoll nutzen zu können, erfolgte von 2013 bis 2014 der Einbau von Ferienwohnungen in das Vorderende und das Karnhaus. Im zweiten Bauabschnitt von 2018 bis 20219 erfolgte der Umbau des Kuhstalls zu einer weiteren Ferienwohnung sowie die Sanierung des Pferdestalls zur Nutzung als Gemeinschaftsraum.

Gerade der historische Charakter der Anlage kann die Attraktivität für eine solche Nutzung erhöhen, umgekehrt macht diese Form der Nutzung das Baudenkmal für einen erweiterten Personenkreis erlebbar.

Bei den baulichen Maßnahmen steht die Verwendung von möglichst originalen Baumaterialien im Vordergrund. Besonders historische Ziegelsteine, Türen oder auch Bodenbeläge wie Sandsteinplatten oder Holzdielen. Diese werden z.B. über Vereine wie den Monumentendienst oder historischen Baustoffhandel recherchiert, beschafft aufgearbeitet und wieder eingebaut.


Norden, Gulfhaus Klein Schulenburgerpolder, hist. Ansicht © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Ulrike Adams und Jan Keydel
Preisübergabe Nov. 2016 © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Ulrike Adams und Jan Keydel
Ulrike Adams und Jan Keydel

Gebäude

Im Vorderende werden die Räume im EG durch einen mittigen Flur erschlossen, der Hauseingang liegt zentral an der Westseite. Ein Wohnraum ist unterkellert. Historische Klappläden und Fensterverkleidung waren nicht mehr erhalten.

Nach Westen orientieren sich die beiden großen Wohnstuben mit verzierter Ofennischen aus Holz und Gips.

Über dem ursprünglichen Wohnteil im Erdgeschoss liegt ein Kornboden. Im OG konnten durch Farbspuren die Einbauten von Kammern für die Bediensteten nachgewiesen werden, auf der Südseite hatten die Vorbesitzer Kinderzimmer eingebaut. Die Erschließung erfolgt über eine sehr steile Treppe als Bestandteil einer Butzenwand.

Zwei der Wohneinheiten im Erdgeschoß erstrecken sich auf das 1. OG mit neu eingebauten Treppen. So wird der besondere Charakter des Kornbodens mit niedrigen Decken im Kontrast zu den herrschaftlichen Räumen mit ihren hohen Decken im EG innerhalb derselben Wohneinheit erfahrbar gemacht. Die ehemals dominierende landwirtschaftliche Nutzung des 1. OG als Kornboden wird hierfür aufgegeben.

Zusätzlich wurden die Flächen des Karnhauses, des Kuh- und Pferdestalls saniert und zu zwei weiteren modernen Ferienwohnungen umgestaltet. Im ehemaligen Pferdestall wird als Gemeinschaftraum genutzt. Belange des Denkmalschutzes mußten hier nicht berücksichtig werden jedoch konnte alte Baumaterialien wie Deckenbalken wieder eingebaut werden. Die Kubatur von Kuh- und Pferdestall wurde erhalten.

Maßnahmen

Es wurde eine Fassadensanierung des Ziegelmauerwerks ausgeführt mit dem Einbau von neuen Blockrahmen-Schiebefenstern.

Alle Außenwände wurden mit einer Innendämmung energetisch ertüchtigt, eine Wandfußheizung reguliert die aufsteigende Feuchtigkeit des Ziegelmauerwerks.

Um alle Innenräume im EG technisch zu erschließen, wurden die notwenigen Installationen auf der neu eingebauten, gedämmten Betonsohle verlegt.

Im OG wurden die Deckenbalken aufgedoppelt um eine großzügigerer Raumhöhe zu erhalten.

Der Deckenaufbau über dem Erdgeschoß besteht aus einer Dielung und mit Estrich gefüllten Lewis Platten, damit die Anforderungen des Brand- und Schallschutzes erfüllt werden können. Der Estrich ist eingefärbt und mit Leinöl und Bienenwachs endbehandelt.

Die notwendigen Rückbauarbeiten wurden sehr substanzschonen ausgeführt. In einem Raum ist es gelungen, die alten Bodendielen wieder einzubauen. Die Türen im zentralen Flur im EG konnten Original wieder herstellt werden, da die alten Türblätter in der Scheune eingelagert waren.

Weitere alte Türblätter konnten über den Monumentendienst beschafft werden.

Im Flur im EG wurde als historischer Bodenbelag Bremer Floren eingebaut.

Ein besonderes Augenmerk legt Herr Keydel auf die Farbgestaltung. Es wurde eine farbhistorische Befundung durchgeführt und alle Räume im Erdgeschoß individuell gestaltet. Dadurch entsteht ein unverwechselbarer Eindruck eines lebendigen Denkmals.

Ulrike Adams und Jan Keydel