Haubarg Marschkoog © Interessengemeinschaft Baupflege, Jan Ö. Meier

Der Haubarg: Bauernhaus des Jahres 2021

Oft werden sie als größte Bauernhäuser der Welt bezeichnet und trotzdem muss man sie suchen: Die Haubarge der schleswig-holsteinischen Halbinsel Eiderstedt sind heute hinter dicht gewachsenen Bäumen versteckt.

Auf Warften gebaut und von Graften umgeben, stehen sie nicht direkt an den Straßen. Sie wirken zwischen weidenden Kühen und Schafen wie in die Landschaft gestreut. Haubarge sind imposante Architekturen. Ihre mit Reet gedeckten Dächer können eine Gesamtfläche von bis zu 1.400 Quadratmetern erreichen und die Firsthöhen bewegen sich zwischen 11 bis 17 Metern.

Konstruiert sind Haubarge über einem Vierkant, der aus vier bis zu zehn Ständern bestehen kann. Sie sind durch hochgelegene Ankerbalken verbunden und ruhen auf einem Feldstein als Fundament. Das verbaute Holz kam häufig aus Skandinavien, Pommern und Polen nach Eiderstedt. Die Konstruktion bildet ein Gerüst, das in sich stabil ist. Steht man im nach oben offenen Vierkant und blickt ins Dach, fühlt man sich an die Dimensionen einer Kathedrale erinnert. Die Reedächer der Haubarge beeindrucken durch ihre riesige Fläche. Und ihre Neigung von etwa 48° bis 50° führt dazu, dass das Regenwasser abfließt und nicht in das Reet eindringen kann.

In Nordfriesland – insbesondere auf der rund 30 mal 15 Kilometer großen Halbinsel Eiderstedt – sind die Haubarge heute deutschlandweit einzigartig. Dass sich der Bautyp gerade hier so stark entwickelt hat, lässt sich auf seine Nutzung und auf die Kulturlandschaft zurückführen. Haubarge vereinen Stall, Scheune und Wohnbereich unter einem Dach, wobei der überwiegende Teil des Gebäudes den Tieren und der Ernte vorbehalten war. Mit ihrer kompakten Bauweise finden sie Platz auf den Warften. Stall, Tenne und Wohnbereich sind um den Vierkant angeordnet. Jeder Haubarg ist dabei individuell aufgebaut. Als Idealtypus wird der Vierständer-Haubarg betrachtet, der eine eher quadratische Form aufweist. Die Bauten zeichnen sich außerdem durch einen kurzen First und durch nach allen Seiten abgewalmte Dachflächen aus. Über der Eingangstür sowie der über dem Stall- und Tennentor besitzen sie je einen charakteristischen Giebel.

Haubarg Holznagel

Holznagel-Ausgabe zum Haubarg - Bauernhaus des Jahres 2021

Um 1600 bis etwa 1870 war die Zeit der Haubarge auf Eiderstedt, die mit der Einwanderung niederländischer Deichbauer einsetzte. Zu unterschiedlichen Zeiten zugewandert, rangen sie das Land schon seit dem 12. Jahrhundert nach und nach dem Meer ab und machten es für den Getreideanbau urbar. Die heutige Halbinsel Eiderstedt entwickelten sie so über die Jahrhunderte durch Eindeichungen und Landgewinnung aus den drei ursprünglichen Inseln Utholm, Evershop und Eiderstedt. Mit der Verlandung entstanden fruchtbare Marschböden, die große Ernten hervorbrachten. Und die Haubarge boten viel Platz für die Lagerung. Noch heute gibt es in Nordholland verwandte Haubargtypen, die von diesen Beziehungen zeugen.

Haubarg-Bauminsel in der Landschaft © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Sonja Peltzer-Montfort
Luftbild vom Haubarg Blumenhof, Tating © Landesdenkmalamt Schleswig-Holstein
Haubarg Blumenhof, Tating © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Sonja Peltzer-Montfort

Ab etwa 1900 – insbesondere in den 1950er und 60er Jahren – verschwanden viele Haubarge, die durch andere bäuerliche Zweckbauten ersetzt wurden. Dazu erfasste in den 1970er Jahren eine Modernisierungswelle die Gebäude der Halbinsel: Neue Fenster und Türen sowie Blechdächer ersetzten oft alte Substanz. Aber schon Mitte der 1980er Jahre begann ein Umdenken, und Haubarg-Besitzer fingen an, sich wirtschaftlich neu zu orientieren und ihre Gebäude umzunutzen, damit sie die im Unterhalt und in den Versicherungsleistungen – bei denen vor allem die Reetdächer zu Buche schlagen – kostspieligen Bauten weiter erhalten können. Der sanfte Tourismus zog damals ein auf Eiderstedt, und er hat sich bis heute erfolgreich entwickelt.

Derzeit existieren von ehemals 400 noch ca. 70 Haubarge. Dazu kommen weitere Gebäude, in denen noch das Innenständergerüst erhalten ist. Es ist also nur ein Bruchteil, der bis heute erhalten blieb. Und der Sanierungsbedarf vieler Haubarge ist groß, sodass man sich über diejenigen freuen kann, die gepflegt und in guten Händen sind. Dies ist auch ein Verdienst der Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen e. V., unser Partner für die Aktion Bauernhaus des Jahres 2021. Mit der gemeinsamen Aktion setzten wir eine jahrzehntelange freundschaftliche Verbundenheit und Kooperation fort, um sie neu zu intensivieren. 1980 gegründet, wählte die Interessengemeinschaft Baupflege ihren Namen und die gleichlautende Kurzform IGB nicht zufällig. Von Beginn an gab es enge Kontakte zwischen unseren beiden Vereinen, die sich teilweise sogar in überschneidenden Mitgliedschaften zeigen. Außerdem war die nordfriesische IGB schon immer eine Kontaktstelle der Interessengemeinschaft Bauernhaus. Ihren Sitz mit Büro und Archiv hat die Interessengemeinschaft Baupflege – die sich später noch in das südlich angrenzende Dithmarschen ausdehnte – beim Nordfriisk Instituut in Bredstedt.


Haubarg Trindamm © Interessengemeinschaft Baupflege, Jan Ö. Meier
Haubarg Marschkoog, Dachstuhl © Interessengemeinschaft Baupflege, Jan Ö. Meier
Gusseisen-Halbmondfenster, Haubarg Blumenhof © Interessengemeinschaft Baupflege, Hans-Georg Hostrup

Wie in unserer IgB sind Beratung und Erfahrungsaustausch grundlegend unter den Mitgliedern. Desweiteren bemüht sich der Verein um die Kartierung erhaltenswerter Gebäude. Beliebt sind vor allem Veranstaltungen wie Führungen, Vorträge und Exkursionen und Mitglieder erhalten seit 1981 mehrmals im Jahr die Zeitschrift „Der Maueranker“. Die Interessengemeinschaft Baupflege will durch gezielte Aufklärungsarbeit im Sinne der Heimatpflege das öffentliche Bewusstsein für den Wert landschaftstypischer Gebäude wecken und fördern. Sie gibt Anleitung und Hilfe bei der Renovierung und Umnutzung alter Gebäude und wirkt darauf ein, dass landschaftstypische Bauformen in der modernen Architektur berücksichtigt werden. Damit verbinden sich in unseren beiden Vereinen die Anliegen, die 2021 im Haubarg als Bauernhaus des Jahres Aufmerksamkeit erhalten sollten.

Beim Haubarg wird es in der Zukunft auch darum gehen, das wertvolle Vermächtnis an spätere Generationen zu übergeben, die das baukulturelle Erbe weiter pflegen, damit es nicht verloren geht – das schließt sowohl die Gebäude selbst als auch das umfangreiche, über Jahrzehnte zusammen-getragene Wissen über den Bautyp ein.

Julia Ricker

Literatur:

  • Ellen Bauer: Zu Besuch bei unbekannten Verwandten, in: Der Maueranker, 4 (1985).
  • Ludwig Fischer: Haubarge. Eine Bauernhausform hat abgewirtschaftet? (Schriften der Interessen-gemeinschaft Baupflege, 1), Bredstedt 2004.
  • Ellen Bauer: Der Haubarg, in: Interessengemeinschaft Baupflege, Lexikon der Nordfriesischen Hauslandschaft, www.igbaupflege.de.

Festveranstaltung

Nachdem sie wegen Corona zwei Mal verschoben werden musste, fand im September 2021 endlich die offizielle Würdigung des Haubarges als „Bauernhaus des Jahres 2021” im „Roten Haubarg” in Witzwort statt. Als Schirmherr konnte der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther, gewonnen werden. Der Landrat des Kreises Nordfriesland, Florian Lorenzen, würdigte in seinem Grußwort das Engagement der Interessengemeinschaft Baupflege sowie der Interessengemeinschaft Bauernhaus. „Was in den vergangenen 40 Jahren geleistet wurde, kann sich sehen lassen", so der Landrat, der zur Freude der Anwesenden 250.000 Euro für bauliche Maßnahmen sowie eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit der IG Baupflege in Aussicht stellte. Die Festvorträge hielten Prof. Dr. Ludwig Fischer, emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg und Haubarg-Experte, sowie Dr. Nils Meyer vom Landesdenkmalamt Hamburg.

Ludwig Fischer zog – mit kritischem Blick auf die enormen Verluste in den vergangenen 200 Jahren – eine denkmalpflegerische Bilanz der 1980er Jahre bis in die Gegenwart. „Heute gibt es noch etwa 70 Haubarge auf Eiderstedt, um 1830 waren es etwa 350”, so Fischer, der die geschichtlichen Hintergründe für den Wechsel in der regionalen Bauweise und den damit verbundenen Verlust an der einst typischen Hausform Haubarg erläuterte. Diese entstand – durch die Beziehungen zu Holland – als ein landwirtschaftlich geprägter und gleichzeitig sehr vielfältiger Haustyp mit relativ kurzer Blütezeit. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ging mit der Umstellung auf die Fettgräsung von Rindern die Getreidekonjunktur auf Eiderstedt zu Ende. Damit wurden auch die großen Lagerkapazitäten der Haubarge überflüssig. Allerdings seien Haubarge neben ihrem Zweck als landwirtschaftliche Nutzgebäude immer auch Spekulationsobjekte gewesen. Fischer erläuterte anhand von drei konkreten Beispielen, wie unterschiedlich die Geschichte eines Haubarges verlaufen konnte – je nach individueller Konstellation. Ein besonders großer Haubarg war der 1905 abgebrochene „Stuckshof” bei Garding. Die ungewöhnlich reiche Ausstattung spricht für wohlhabende Bauherren, allerdings endete die Konjunktur für diesen Hof bereits in Napoleonischer Zeit, und der 1775 errichtete Haubarg muss schon um 1850 leer gestanden haben. „Solche großen Haubarge waren selten. Sie hatten oft auswärtige Eigentümer und dienten als Spekulationsobjekte”, resümierte Ludwig Fischer. Die meisten Haubarge dagegen waren Teil mittelgroßer Betriebe und auf Selbstversorgung ausgerichtet. Beispiele hiefür sind die Haubarge „Festers Hof" bei Tetenbüll mit einem Gerüst von 1779 und der frei in der Marschlandschaft stehende „Römerhof”, ebenfalls bei Tetenbüll. Dieser wurde um 1720 erbaut, könnte laut einiger Details aber aus dem 17. Jahrhundert stammen.

Mit neuen Forschungsergebnissen zu Baualter und Chronologie der Haubarge wartete Dr. Nils Meyer auf. In seiner Zeit als Denkmalpfleger auf Eiderstedt wurden zwischen 2017 und 2018 36 Haubarge dendrochronologisch untersucht. Der Haubarg „Hochbohm” in Kating etwa wurde um 1600 auf einer alten Warft errichtet. Der ursprüngliche 6-Ständer-Bau aus Eiche ist später zum 8-Ständer-Bau erweitert worden. Insgesamt seien viele Haubarge in der Zeit um 1600 entstanden. Damals hatten niederländische Investoren in Norddeutschland Eindeichungen zur Landgewinnung vorgenommen.

Haubarg Trindamm, Eiderstedt © Christine Kohnke-Löbert, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Hans-Georg Hostrup, Vorsitzender der IG Baupflege, dankte dem „Schwesterverein” IgB für die Würdigung des Haubargs als „Bauernhaus des Jahres”. „Diese Auszeichnung strahlt über Nordfriesland hinaus, sie ist eine gute Werbung für unser Anliegen und hilft uns so bei der Unterhaltung der Gebäude”, so Hostrup. Von diesen konnten die Exkursionsteilnehmer am vorangegangenen Samstag einige besichtigen. Insgesamt vier Stationen wurden innerhalb von vier Stunden besucht, dazu zählte der Haubarg „Hochbohmin Kating, der Haubarg „Hamkenshof” in Tetenbüll, der „Staatshof” in Tetenbüll sowie der Haubarg „Trindamm”, ebenfalls Tetenbüll. Jedes Objekt wurde von den Eigentümern vorgestellt und durfte auch von innen besichtigt werden. Weiterführende Erläuterungen hatte die Architektin Ellen Bauer in petto. Das Abendessen konnte die Gruppe stilvoll im Herrenhaus Hoyerswort genießen. Neben Einblicken in die Geschichte der einzelnen Höfe und Gebäude wurden den Exkursionsteilnehmern vielfältige kultur- und wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge vermittelt. Zudem stellten die Eigentümer Einzelheiten zur Sanierung und Erhaltung ihrer Gebäude mit den gewaltigen strohgedeckten Dachflächen vor. Haubarge sind Zeugen einer Wirtschaftsform, die längst der Vergangenheit angehört. Jedoch sind viele dieser baulichen Zeugnisse erhalten geblieben und machen den besonderen kulturellen Reichtum der Region Eiderstedt aus.

Christine Kohnke-Löbert

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