Polder und Siele bilden die ostfriesische Landschaft. Und egal wo man steht, meistens fängt der Blick ein Gulfhaus ein © Julia Ricker, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Das Ostfriesische Gulfhaus: Bauernhaus des Jahres 2026

In Ostfriesland scheint die Landschaft vor allem aus Himmel zu bestehen. Und entlang des tief liegenden Horizonts reihen sich Gulfhäuser, meist auf Warften gebaut und durch Bäume vor Wind und Wetter geschützt. Mit ihren weit ausgreifenden Dächern gehören sie bis heute untrennbar zur Region und zeugen hier wie kein anderer Bautyp davon, dass Leben und Wirtschaften auf fruchtbaren Marschböden über Jahrhunderte miteinander verwoben waren.

Seit der Frühen Neuzeit ist das Gulfhaus Teil der ostfriesischen Landschaft. Im Laufe des 16. und vor allem zu Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelte es sich als breit gelagerter Bau, der Wohnen, Viehhaltung, Erntelager und Arbeitsraum unter einem durchgehenden First vereint, ohne die einzelnen Bereiche miteinander zu vermischen. Das äußere Erscheinungsbild des Gulfhauses ist vor allem durch sein tief heruntergezogenes, oft abgewalmtes Dach bestimmt. Es hält den weit ausgreifenden Baukörper mit seinen asymmetrischen Giebelseiten, dem mächtigen Scheunentor, Stalltüren und den regelmäßig angeordneten Fensterreihen zusammen.

Der Buchenhof in Dornum ist ein typisches Beispiel für viele Gulfhäuser, die derzeit leer stehen und auf Instandsetzung warten © Kai Nilson, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Gulfhäuser entstehen seit dem 16. Jahrhundert aus älteren regionalen Wohn-Stall-Bauten sowie großräumigen Wirtschafts- und Speichergebäuden in den Niederlanden und im Umfeld der Klöster. Sie kommen vor allem in den Marsch- und Polderlandschaften Ostfrieslands vor, zwischen Nordseeküste, Ems und Jade. Hier bieten die fruchtbaren Böden ideale Voraussetzungen für ertragreichen Getreideanbau und umfangreiche Viehhaltung, worauf die Raumorganisation des Gulfhauses durchdacht reagiert. Im hinteren Teil des Gebäudes (Plattdeutsch: Achterenn) befindet sich der Gulf. Ein hoher dreischiffiger Raum, der sich über vier zentrale Ständer eines Traggerüsts spannt. In dessen Zentrum wird Getreide, Stroh und Heu vom Boden bis hinauf in den Dachraum gestapelt. Damit sehr große Erntemengen aufgenommen werden können, bleibt der Gulf frei von festen Einbauten. Daneben grenzen niedrigere Seitenschiffe an, die verschiedenen Nutzungen dienen: Auf der einen Seite befindet sich der Kuhstall, in dem die Tiere quer zur Längsachse des Hauses stehen, dem gegegenüber die Dreschdiele. Dahinter in den Abseiten (Plattdeutsch: Ut-kübben) kleinere Abteile für Futter oder Jungvieh und am Ende der Pferdestall.

Mit dieser besonderen Konstruktionsweise erfüllt das Gulfhaus die Anforderungen des bäuerlichen Wirtschaftens. Es bietet hohe, gut durchlüftete Lagerräume, die im feuchten Küstenklima eine trockene Aufbewahrung der Ernte ermöglichen. Gleichzeitig unterstützt es die Abläufe im Hofbetrieb. Die Erntewagen fahren durch das große Scheunentor in den Gulf, wo das Getreide gestapelt oder auf der Diele zum Dreschen ausgebreitet wird. Wo der Getreideanbau besonders gut floriert, steigt im Laufe der Zeit der Bedarf an Lagerräumen und Dreschplätzen. Und die Gulfhäuser wachsen gleichermaßen mit, indem ihre Traufen angehoben und die Lagerzonen verlängert werden.

Vom Wirtschaftstrakt durch eine Brandmauer klar getrennt, schließt sich im vorderen Bereich (Plattdeutsch: Vörderenn) des Gulfhauses der meist zur Straße gelegene, schmale Wohnteil an. Im Laufe der Jahrhunderte differenziert sich dieser mit Küche, Stube, Kammern und der leicht erhöhten Upkammer über dem Keller immer weiter aus, auch um den wachsenden Ansprüchen an Komfort und Privatsphäre entgegenzukommen. Das Gulfhaus trennt also, was voneinander getrennt bleiben soll – nämlich Wohnen und Wirtschaften – und fasst doch alles unter einem First zusammen.

Konstruktiv kommt der Haustyp mit sehr wenig Holz aus, denn das Baumaterial war rar und wurde beispielsweise aus dem Schwarzwald und aus Südskandinavien importiert. Daneben kamen Backstein, Reet oder Stroh zum Einsatz. Einige der heute charakteristischen Bestandteile des Gulfhauses entwickeln sich vor allem im späten 18. und im 19. Jahrhundert, als das Äußere zunehmend repräsentativ ausgestaltet wird: plastische Gliederungen beleben jetzt die Fassade, gusseiserne, feingliedrig und ornamental gestaltete Fenster werden – insbesondere am Wirtschaftsbereich – üblich. Darüber hinaus kommen Maueranker mit Jahreszahlen oder Initialen als individuelle Kennzeichnungen auf.

Gigantisch: der Wirtschaftsteil eines Gulfhauses © Kai Nilson, Interessengemeinschaft Bauernhaus
In Friesland waren die Kühe traditionell mit dem Kopf zur Außenwand aufgestallt © Julia Ricker, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Gegenwärtig sind keine Quellen überliefert, die einen Aufschluss darüber geben, wie viele Gulfhäuser es während ihrer Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert in Ostfriesland gegeben hat. Sicher ist jedoch, dass es mehrere Tausend gewesen sind. Seit den 1960er-Jahren führt der Strukturwandel in der Landwirtschaft zu einem Rückgang der großformatigen Bauten, weil der Gulf als zentraler Bestandteil des Gebäudes mit dem technischen Fortschritt und den wachsenden Betriebsgrößen von seiner Funktion her weitgehend überflüssig wird. Maschinen übernehmen die Futterbereitung und Silos ersetzen das Erntelager.

Einige bäuerliche Betriebe öffnen den Gulf jetzt für Fahrzeuge und verlagern die Viehhaltung in moderne Gebäude. Die einstige, enge Verbindung zwischen Wohnhaus und Wirtschaftstrakt löst sich auf. Der Wohnteil rückt nun in den Vordergrund, seine alleinige Nutzung kann allerdings die dauerhafte Erhaltung vieler Gulfhäuser nicht sichern. Eine große Zahl wurde aufgegeben, steht leer, verfällt oder wurde bereits abgerissen.

Belegt ist für den Landkreis Aurich, dass sich zu Beginn der 1990er-Jahre etwa ein Drittel aller Gulfhäuser in einem baufälligen Zustand befand. Von insgesamt etwa 6000 Gebäuden waren damals rund 2000 nicht mehr landwirtschaftlich genutzt.

Menschen, die Gulfhäuser besitzen, stehen heute vor vielfachen Herausforderungen: Instandsetzungen und Modernisierungen müssen mit der fachgerechten Bewahrung der historischen Bausubstanz in Einklang stehen, wobei gleichzeitig energetische Anforderungen zu berücksichtigen sind. Vorgaben im Brand- und Wärmeschutz verlangen behutsame Eingriffe, um charakteristische Raumfolgen und konstruktive Strukturen zu erhalten. Instandsetzungsmaßnahmen an Dach, Tragwerk und Fundamenten sind kostenintensiv und erfordern qualifizierte Handwerker.

Scheunentor mit Oberlicht © Julia Ricker, Interessengemeinschaft Bauernhaus
Die Fenster sind prägende Details am Wirtschaftsteil eines Gulfhauses © Julia Ricker, Interessengemeinschaft Bauernhaus
Die Fenster zieren die Fassade eines Gulfhauses © Julia Ricker, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Mit dem Gulfhaus als Bauernhaus des Jahres 2026 wollen wir im nächsten Jahr dazu beitragen, dass in der breiteren Öffentlichkeit der Region und bundesweit ein stärkeres Bewusstsein für die Erhaltung dieses jahrhundertealten Kulturerbes entsteht.

Dabei sollen ausdrücklich auch die Menschen im Vordergrund stehen, die Gulfhäuser besitzen, sie vorbildlich instandgesetzt sowie kluge Nutzungsideen entwickelt haben. Ganz besonders freut uns, dass der Ministerpräsident von Niedersachsen, Olaf Lies, das Gulfhaus als Bauernhaus des Jahres als Schirmherr unterstützt und bereits ein Grußwort beim Festakt zugesagt hat.

Das Vorhaben Bauernhaus des Jahres gelingt nicht ohne das Engagement von ehrenamtlich Aktiven und der Expertise, die sie der IgB zur Verfügung stellen – allen voran ist Kai Nilson (KS Dornum) zu nennen, der das Gulfhausjahr und unser Frühjahrstreffen vom 24. bis 26. April 2026 in Dornum federführend mitorganisiert.

Seit Februar dieses Jahres planen wir das Frühjahrstreffen mit viel Freude an der gemeinsamen Arbeit und am fachlichen Austausch in einer großen Runde, zu der Uwe Trännapp, Bürgermeister von Dornum, Hermann Schiefer, langjähriger Landesdenkmalpfleger in Niedersachsen, der Denkmalpfleger Bernd Korten sowie die Architektin Linda Hinrichs gehören. Und weil es um die ostfriesische Baukultur geht, ist auch die Ostfriesische Landschaft involviert, die als regionale Behörde die Arbeit auf den Gebieten der Kultur, Wissenschaft und Bildung in und für Ostfriesland mit Rat und Tat unterstützt. Darüber hinaus stärken in Ostfriesland der Verein ANNO und der Monumentendienst das Bewusstsein für den Wert der Gulfhäuser und tragen dazu bei, sie für kommende Generationen zu erhalten.

2026 ernennt die IgB schon zum neunten Mal einen ländlichen Haustyp zum Bauernhaus des Jahres. Nachdem bereits Spreewaldhaus, Jurahaus, Umgebindehaus, Haubarg, das Vogelsberger Einhaus, das Niederdeutsche Hallenhaus, der Altenburger Vierseithof und das Schwarzwaldhaus gewürdigt wurden, geht es im nächsten Jahr darum, ein Bewusstsein für das Gulfhaus und seine baulichen Besonderheiten zu schaffen und den Haustyp bundesweit bekannter zu machen.

Mehr zum Gulfhaus, unserem Bauernhaus des Jahres 2026, gibt es in Holznagel-Ausgabe 1|2026, der Regionalausgabe zu Ostfriesland mit dem Programm für das Frühjahrstreffen vom 24. bis 26. April 2026 sowie allen Informationen und den Anmeldemodalitäten. 

Julia Ricker

Literatur

Volker Gläntzer: Das Gulfhaus in Ost-Friesland – eine Innovation des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Jan Klápště (Hg.), The Rural House from the Migration Period to the Oldest Still Standing Buildings, Prag 2003, S. 58–75 (= Ruralia IV).

• Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Phil. Diss. Münster 2006 (Webarchiv).

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