Emailleschild am Haus einer IgB-Kontaktstelle © Interessengemeinschaft Bauernhaus

Außenstelle Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal

Sabine Pönicke führt seit Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen dem Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal* und der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB) eine Außenstelle der IgB im Naturparkzentrum Fürstenhagen.

Die Kulturlandschaft, ihre Dörfer, Häuser und Besonderheiten zu erhalten und an einer landschaftsgerechten Siedlungsentwicklung mitzuwirken, ist eine der großen Aufgaben des Naturparks Eichsfeld-Hainich-Werratal. Diesen Zielen hat sich auch die bundesweit tätige Interessengemeinschaft Bauernhaus verschrieben. In Zukunft werden der Naturpark und die IgB enger zusammenarbeiten, um ihre Anstrengungen zum Erhalt und Pflege der Hauslandschaft noch effektiver zu gestalten. Die bundesweit bisher einzigartige Kooperation wurde im Februar 2011 besiegelt.

Synergieeffekte nutzen

Die beiden Partner wollen Synergieeffekte nutzen, da die Tätigkeitsfelder und Interessen nah beieinander liegen. Das Netzwerk der IgB bietet Fachwissen, gibt Hilfestellung in Theorie und Praxis und tritt als Lobby für alte Häuser auf. Hierfür müssen Fachleute des planenden und ausführenden Baugewerbes auch in der Lage sein, alte, historische Techniken anwenden oder alte Baubestände richtig einschätzen zu können. Die IgB verfügt in ihren Reihen über ein großes Fachwissen in Bezug auf alte Handwerkstechniken und Fertigkeiten. Sie setzt sich dafür ein, gewachsene Haustypen- und landschaften nicht uniform nach Baumarktmanier glatt zu sanieren, sondern „artgerecht“ umzusetzen. Natürlich gehören aus Sicht der IgB zu einem zeitgemäßen Wohnen genügend Lichteinfall, moderne haustechnische Anlagen und genügend Raum zum Leben. Doch es muss nicht alles gerade gerückt werden. Altersbedingte Verformungen sind liebenswert und machen gerade die Anmut alter Gebäude aus.


Kontakt

Sabine Pönicke

37318 Lutter

Telefon: 03 61 / 5 73 91 50 03

E-Mail schreiben

Sabine Poenicke vor dem alten Bahnhof in Fürstenhagen, AS Naturpark Eichsfeld © Interessengemeinschaft Bauernhaus

Der Charme dieser alten Hauslandschaft und ihre Unverwechselbarkeit sind genau das, was Menschen, die Erholung im Naturpark suchen, anzieht. Alte Häuser und Dorfbilder atmen Geschichte und vermitteln Beständigkeit und Tradition statt Beliebigkeit. So fördern die Pflege und die Aufwertung dieser typischen Fachwerklandschaft den Tourismus und ermöglichen den dort wohnenden Menschen, in Zeiten von verödenden Gegenden neue wirtschaftliche Standbeine am alten Standort zu finden.

Die Kooperation wird sich vielseitig gestalten: So kann die IgB die Einrichtungen des Naturparks als Veranstaltungsort für IgB-Seminare und öffentliche Vorträge nutzen. In der Bibliothek der Naturparkverwaltung stehen alle Sachbücher, die von der IgB veröffentlicht wurden, zum Ausleihen bereit. Auch Veranstaltungen und Märkte werden gemeinsam gestaltet. Nicht zuletzt kann die IgB die publikumswirksame Einrichtung des Naturparkzentrums für Ausstellungen und Auslagen nutzen.

Ansprechpartnerin vor Ort

Die stellvertretende Leiterin des Naturparks, Diplom Bau-Ingenieurin Sabine Pönicke, besitzt selber ein großes Bauerngehöft und hat über viele Jahre Erfahrungen beim Bauen und Sanieren mit traditionellen Baumaterialien gesammelt. Als Ansprechpartnerin vor Ort kann sie Kontakte zu Fachleuten und qualifizierten Handwerkern im Naturpark vermitteln.

Eine weitere Aufgabe ist der Versuch, neue Bewohnerinnen und Bewohner für leer stehende Häuser oder Hofanlagen im Gebiet des Naturparks zu akquirieren und ihnen persönliche Hilfe und Unterstützung bei dieser wichtigen Entscheidung zu geben.

Mittlerweile hat sie über die Veranstaltungsreihe Baukultur ein überregionales „Netzwerk Baukultur“ von gleichgesinnten Vereinen und Verbänden bis hin zu zuständigen Behörden und Kammern geknüpft. Hier ist Lobbyarbeit gleichermaßen wie persönliche Anteilnahme gefragt.

Persönliches von Sabine Pönicke

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn habe ich einmal Bauingenieurswesen studiert. Damals stand die „Platte“ noch ganz hoch im Kurs, was bedeutet, dass ich von Fachwerkbau –und Sanierung null Ahnung hatte. Diese bittere Erkenntnis musste ich machen, als ich mich entschlossen hatte, einen Drei-Seiten-Hof am Oberlauf der Unstrut zu sanieren. Beim Kauf des Gehöftes stand nur meine Intention als Regionalplanerin im Vordergrund, nicht auf der „grünen Wiese“ zu bauen. Ich wollte keine weitere Fläche versiegeln, wenn doch so viele schöne (wenn auch völlig heruntergekommene) Bauernhäuser im Dorfkern leer stehen.

Da aber für mich nur eine fachgerechte und ökologische Sanierung in Frage kam, musste ich viel lernen und suchen – Fachwissen und Firmen, die entsprechende traditionelle, fachwerkgerechte Materialien verwenden, gab es in der Region nicht. Das hat viel Zeit und Kraft gekostet. So habe ich dann meine Erkenntnisse, was alles vonnöten ist, auf Papier gebracht und über das LEADER-Netzwerk* Gleichgesinnte gesucht. Auf einem LEADER- Netzwerktreffen habe ich dann die Interessengemeinschaft Bauernhaus kennengelernt – in Person von Alexander von Spiegel, der die IgB-Außenstelle in der Grafschaft Ravensberg – Senne führt. Seit dem Jahr 2000 bin ich nun Mitglied der IgB, habe erst eine Kontaktstelle in Mühlhausen angeboten und führe nun in der Verbindung mit meinen beruflichen Aufgaben, ehrenamtlich die Außenstelle der IgB im Naturparkzentrum.

* Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal – alte Grenzregion mit romantischen Fachwerkdörfern , eingebettet in eine naturnahe Kulturlandschaft zwischen Heiligenstadt und Eisenach

Link: www.naturpark-ehw.de/partner-der-laendlichen-entwicklung

* das LEADER-Netzwerk ist die Verbindung von Akteuren, die sich für die Entwicklung des ländlichen Raumes engagieren

Link: www.netzwerk-laendliche-raeume.de

Aktivitäten

Bericht über Aktionen im Rahmen der Veranstaltungsreihe 40 Jahre IgB (Juni 2013)

von Sabine Pönicke

Die Ausrichtung unseres Naturparkfestes im Mai 2013 war der willkommene Anlass, die Arbeit der IgB vor unseren kommunalen Vertretern, den Einwohnern und regionalen Akteuren im Naturpark angemessen zu präsentieren.

Auch wenn unsere IgB-Außenstelle noch keine 40 Jahre auf dem Buckel hat, so haben wir mit der Kooperation zwischen der Naturparkverwaltung und der IGB zumindest strukturell etwas deutschlandweit Einmaliges vorzuweisen.

Auf dem Naturparkfest am Sonntag hat sich die IGB mit einem Informations­stand und einer außergewöhnlichen Vorführung in Form eines mobilen Sägewerkes in Szene gesetzt. Die Lehmbauvorführungen sind leider wegen der starken Regenfälle buchstäblich ins Wasser gefallen. Aber hartgesottene Naturpark-Fans fanden (angelockt von den lautstarken Aktivitäten) doch aus dem gemütlichen Festzelt zu uns an den Stand. Und da die Eichsfelder als Häuslebauer mindestens ebenso bekannt sind wie die Schwaben, waren Gespräche schnell im Gang über ihr nächstes Bauprojekt und welche Baustoffe nun die besseren sind…und überhaupt das Dämmen und die Energie­Einsparverordnung… . Wie soll der Hausbesitzer sich da noch um die Erhaltung der traditionellen Fachwerkfassade bekümmern. „Klar doch“ sage ich, „das ist ganz easy, schließlich haben wir in der Verbindung von Holz- und Lehmbaustoffen die besten Voraussetzungen für eine fachgerechte und ökologische Innendämmung!“

Übrigens habe ich neben der Auslage unseres Holznagels und der IgB-Fachbücher, immer noch die Arbeitshefte des „Zentrums für Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen“ als Diskussionsgrundlage dabei. Für die Bereitstellung und prompte Lieferung in großer Stückzahl möchte ich mich an dieser Stelle einmal herzlich bedanken! (Der Fachberater ist ja schließlich auch IgB-Mitglied.)

Auf das Naturparkfest am Sonntag folgt traditionell montags der Kommunaltag. Auf der Fachtagung unter dem Motto: „Baukultur und Tourismus“ wurde dieses Jahr das Thema Baukultur aus Sicht der tourismuswirtschaftlichen Bedeutung beleuchtet. In fünf Fachbeiträgen stellten namhafte Fachleute aus der Tourismuswirtschaft und von den Fachverbänden die Erhaltung baukultureller Werte für die touristische Entwicklung heraus. Vor dem Hintergrund, die Vielzahl an historischen Bauwerken im Naturpark zu erhalten und die Dörfer mit ihrem hohen Anteil an ortsbildprägenden Fachwerkbauten zu entwickeln. Wie überall auf dem Lande verlieren die traditionellen Nutzungen der Gebäude an Bedeutung oder fallen gänzlich weg. Hier sind neue Ideen, neue Nutzungs­möglichkeiten gefragt: eine davon ist der Tourismus; und Baukultur ist das touristische Pfund – beide Seiten sollten davon profitieren. Unsere Kommunen müssen noch erkennen, dass nur die schöne Natur nicht ausreicht, genauso wichtig ist es die Aufenthaltsqualität in den Dörfern selber zu erhöhen. Dass hier die Arbeit der IGB einen wichtigen Beitrag leisten kann, habe ich in meiner Präsentation sehr bildhaft darstellen können. Denn das Engagement der IGB-Mitglieder hilft nicht nur den Hausbesitzern, frei nach dem Motto „Wir lieben alte Häuser“ nein, andere Menschen, nämlich die Touristen, lieben den Anblick authentisch sanierter Fachwerkhäuser genauso. Das ist eine Leistung, die wir gegenüber der Gesellschaft erbringen, und die entsprechend anerkannt und honoriert werden sollte. Nicht zuletzt ist diese Leistung auch unter dem Blickwinkel der Aufwertung des Dorfes für Ansiedlung von Handwerk und Gewerbe zu sehen – die Wirtschaftsvertreter nennen das „weiche Standortfaktoren“.

Gesprächsstoff hatten wir also genug auf der Tagung, und ich bin vom Vertreter des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz, gebeten worden, an der neuen Entwicklungsstrategie für den ländlichen Tourismus mitzuarbeiten. Das ist doch ein schöner Erfolg – für die IgB wie auch für den Naturpark.

Infokasten:

Kooperationsvertrag zwischen Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal und IgB

Leistungen der Interessengemeinschaft IgB

Leistungen der Naturparkverwaltung

-> Öffentlichkeitsarbeit und Information

Vorträge, Seminare, Exkursionen

Bewerbung / Verlinkung im Holznagel und über Internet

-> Öffentlichkeitsarbeit und Information

Bewerbung / Verlinkung im Veranstaltungskalender und über Internet

-> Beratertätigkeit vor Ort für Hausbesitzer

-> Beratertätigkeit über Internet - Forum

-> Nutzung der Einrichtungen / Tagungsraum des Naturparkzentrums

-> Bereitstellung von Fachbüchern für die Bibliothek

-> Bereitstellung fachlich geschultes Personal

-> Vermittlung zum Verkauf stehender Häuser

-> Büroorganisation

-> Tauschbörse für Baustoffe und Bauelemente

-> Nutzung der Technik

-> Initiierung von lokalen Projekten

Forum Fachwerk Eichsfeld

-> Einrichtung und Begleitung von regionalen und überregionalen Netzwerken

Tagung "Zukunftslandschaft Denkmal Dorf" am 5./6.10.2012 in Wingerode/Eichsfeld

von Sabine Pönicke

Als gemeinsame Veranstaltung von Heimatbund Thüringen, Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal und der Interessengemeinschaft Bauernhaus fand am 5. und 6. Oktober 2012 in Wingerode (Eichsfeld) unsere Tagung 2012 in der Reihe "Zukunftslandschaft" statt. Gemeinsam mit fast 50 Teilnehmern aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen und Sachsen haben wir über Fragen diskutiert, wie trotz sinkender Einwohnerzahlen und rückläufigen Finanzen die dörfliche Baustruktur erhalten werden kann, welche alternativen Möglichkeiten es zur Finanzierung der Denkmalsanierung gibt und in welche Richtung bestehende Gesetzlichkeiten weiter entwickelt werden müssten. Als Anregung zum Handeln wurden aber auch eine Reihe guter Beispiele vorgestellt.

Ländliche Regionen sind, nicht nur in Thüringen, immer sichtbarer vom demografischen Wandel betroffen. Fast in jedem Dorf sind mittlerweile die Schilder „Zu verkaufen“ anzutreffen, viele alte Häuser stehen bereits leer oder sind nur noch von alten Menschen bewohnt, die nicht mehr in die Sanierung ihrer Gebäude investieren. Gleichzeitig verschlechtert sich die Haushaltslage der öffentlichen Hand und damit auch der Spielraum für die Denkmalpflege. Was bedeutet das für die ländliche Denkmallandschaft? Ist die ländliche Baukultur zum langsamen, aber unausweichlichen Absterben verurteilt, so dass schlussendlich nur noch einige Freilichtmuseen an die einst reichen Thüringer Denkmalbestände erinnern? Ohne die Probleme zu verkennen, teilen wir solche negativen Szenarien nicht. Für uns ist das Dorf, ist der ländliche Raum mit seinen vielfältigen Zeugnissen historischer Entwicklung eine Zukunftslandschaft eigener Art, mit wachsender Bedeutung für die Gesamtgesellschaft. Allerdings braucht der ländliche Raum dazu Aufmerksamkeit, Zuwendung und vielfältiges Engagement.

Berichte aus Wanfried an der Werra (Nov. 2011)

Sanierungskonzepte für Fachwerkhäuser

Zu diesem Thema fand am Freitag, dem 18.11.2011 im Gasthaus „Zum Schwan“ in Wanfried an der Werra eine Tagung und die Mitgliederversammlung des NetzwerkLehm e.V. statt. Eingeladen waren Mitglieder und Freunde des NetzwerkLehm e.V. (www.netzwerklehm.de) sowie interessierte Lehmbauer, Lehmbaustoffhändler und -hersteller, Architekten, Planer, Baubiologen, Bauberater und Kommunalverwaltungen.

Gastgeber waren das NetzwerkLehm e.V., die Bürgergruppe Wanfried, die Stadt Wanfried und das Büro für Baubiologie und Information – Dr. Volkenant & Wolff GbR (Sontra/Kassel).

Von Seiten der IgB haben Sabine Pönicke von der IgB-Außenstelle Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal und der IgB-Geschäftsführer Wolfgang Greber teilgenommen.

In Deutschland gibt es rund 2,5 Millionen Fachwerkhäuser, die das Gesicht von Dörfern, Klein- und Mittelstädten prägen. Deren Zukunft ist ungewiss angesichts demografischer Veränderungen, eingeschränkten Finanzmitteln, veränderter Wohnansprüche und hoher Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden (auch außerhalb der EnEV). Mit dem Verlust von Fachwerkgebäuden verschwinden nicht nur einmalige Zeugnisse europäischer Baukunst, sondern es verlieren Dörfer und Städte ihr Gesicht.

Im nordhessischen Wanfried haben Stadt und Bürger erfolgreich nach Konzepten für die Sanierung von Fachwerkgebäuden gesucht, um letztendlich auch eine Perspektive für ihre vom demografischen Wandel stark bedrohte Stadt zu finden.

Im Rahmen des NetzwerkLehm-Treffens hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, mit den Mitgliedern der Bürgergruppe Wanfried über Konzepte, Planung und Durchführung sowie Erfolge, Kompromisse und Probleme zu diskutieren. Zudem konnte das alte Fachwerk-Musterhaus besichtigt werden, welches sich noch in der Ausführungsphase befindet.

Nach der Begrüßung durch den sehr rührigen und agilen Bürgermeister der Stadt Wanfried Wilhelm Gebhard folgte ein recht aufschlussreicher Vortrag: „Lehm - ein gesunder Baustoff?!“ von Peter Wolff, Baubiologe IBN, bei dem es nicht nur um Lehm ging, sondern um die Tücken „modernen“ Wohnens aus Sicht der Baubiologie und der Medizin. So mancher dürfte, während der Ausführungen von Herrn Wolff, mit Sorge an seine eigenen Wohnverhältnisse gedacht haben, über die Möblierung bis zur Ausstattung der Wohnräume und der Materialverwendung!

Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgte die Vorstellung der Bürgergruppe Wanfried und des Projekts „Musterhaus“. Hierzu hat uns die als freie Journalistin arbeitende und in der Bürgergruppe engagierte Diana Wetzestein einen Text zur Verfügung gestellt sowie die Fotos, wofür wir gerne Danke sagen.

Insgesamt wurde offenkundig, dass nicht nur das Problem „Baubiologie“, als „gesünder Wohnen“ ein Thema ist, dem sich auch die IgB in Zukunft verstärkt widmen muss, sondern auch die wesentlich engere Vernetzung von Akteuren und Fachleuten in diesem Bereich notwendig ist, um das Wissen hierzu tiefer in die Bevölkerung hineinzutragen und die „chemischen Keulen“ der Baustoff- und anderer Industriezweige, die den Wohn- und Arbeitsbereich von uns allen überfluten, zu benennen und Alternativen aufzuzeigen.

Zum anderen wurde auch demonstriert, dass das Thema „demografischer Wandel“ im Hinblick auf die Verödung ländlicher Gebiete und damit naturgemäß auf den Niedergang dörflicher und kleinstädtischer Bausubstanz und historischer Baukultur ganz anders angegangen werden muss als bisher. Die Stadt Wanfried und die Bürgergruppe haben uns Teilnehmer durch ihre Aktivitäten und den Eifer beeindruckt, wie sie damit umgehen und was sie schon erreicht haben. Mögen sie anderen Kommunen und engagierten Bürgern ein Beispiel geben. Unser Tipp: Mal nach Wanfried fahren und sich vor Ort inspirieren lassen!

Wolfgang Greber, IgB

Die Bürgergruppe macht's möglich

Von der Idee zum Fachwerkmusterhaus

von Diana Wetzestein

Wanfried. Auf gute umsetzbare Ideen aus der Bürgerschaft setzt Wilhelm Gebhard. Der 35-jährige ist Wanfrieds Bürgermeister und hat als ehemaliger Betriebswirt ein Vermarktungskonzept entwickelt, in dem er sich jeder aussichtsreichen Idee annimmt. Seit Herbst 2007 ist er im Amt, kann bereits Erfolge verzeichnen. Diese, so sagt er, seien eng verknüpft mit ehrenamtlichem Engagement Wanfrieder Bürger. Wie erfolgreich es ist, wenn Stadtverwaltung und Bürger zusammenarbeiten, zeigt Wanfried mit der Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser und dem Fachwerkmusterhaus Wohnen.

Zahlen und Fakten

Der Werra-Meißner-Kreis, zu dem Wanfried gehört, gilt als das Armenhaus Nordhessens. Entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze fielen kurz nach der Mauer auch die Betriebe, die bis dahin durch die Zonenrandförderung Arbeitsplätze sichern konnten. Wanfried wurde besonders hart davon getroffen. Im Jahr 1990 hatte die Stadt noch 1.312 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze bei knapp 5000 Einwohnern, im Jahr 2005 sanken die Zahlen auf 666 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und 4400 Einwohner.

Im Herbst 2007 wurde der damals 31-jährige Betriebswirt Wilhelm Gebhard Bürgermeister. Gemeinsam mit der Bürgergruppe begann er die leer stehenden Häuser zu vermarkten. Damit stiegen die Besucherzahlen, der Tourismus wurde weiter ausgebaut und die Stadt Wanfried beinahe als Marke in Deutschland bekannt. Im Jahr 2010 wurden dann bereits 734 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gezählt, zudem konnte ein im Werra-Meißner-Kreis einmaliges Einwohnerplus von 0,5 Prozent, das sind 21 Personen, im ersten Halbjahr verzeichnet werden. Derzeit hat die Stadt 4.253 Einwohner, Tendenz leicht steigend.

Unterstützung mit Know-how

Im Jahr 2006 zählte man in Wanfrieds Altstadt 21 leer stehende Fachwerkhäuser. Noch bevor man Land auf und Land ab den Begriff „demografischer Wandel“ publizierte, fassten zwei Mitglieder der heutigen Bürgergruppe den Entschluss, den fortschreitenden Leerstand aufzuhalten und zu beseitigen. Der Betriebswirt Gebhard schloss sich den Plänen der „Ersten Stunde“ an. Ein Restaurator und ein Architekt kamen noch dazu, die Gruppe wurde unter dem Namen „Wohnen, leben und arbeiten in Wanfried“ aktiv. Sie besichtigten die Häuser und vermerkten sie in einem Leerstandskataster. Kostenfrei bieten sie die Erstellung von Skizzen, Kostenschätzungen und Umbaupläne für ein Wohnen im Fachwerkhaus mit modernen Akzenten nach heutigem Wohn- und Energiestandart an. Beratung und Begleitung von Finanzierungs- und Förderanträgen, Bauberatung bei Ausführung von Eigenleistungen und Besprechungen mit Handwerkern sind ebenfalls ehrenamtliche und unentgeltliche Leistungen der heute 14-köpfigen Gruppe aus Elektroingenieur, vier Architekten, Restaurator, Versicherungsfachwirt, Berufsschullehrer, Rechtsanwalt, Journalistin, Zimmermeister und Hochbautechniker, Kunsthistorikerin sind als „Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser“ bekannt. Seit 2009 werden Wanfrieds leer stehende Häuser auf einer niederländischen Internetplattform angeboten, für deren Veröffentlichung die Stadt Wanfried 300 Euro investierte.

Fazit nach drei Jahren

32.000 Klicks auf Wanfrieder Häuser wurden auf der Seite gezählt, 210 Anfragen wurden direkt vom Bürgermeister beantwortet, 105 Familien waren vor Ort, die Übernachtungszahlen stiegen sprunghaft an. Bis Ende 2011 wurden 22 Häuser durch die Bürgergruppe vermittelt, beinahe noch mal so viele, gingen ohne Zutun der Gruppe und allein durch den positiven Immobilientrend an neue Besitzer. Aufträge von knapp 800.000 Euro konnten ortsansässige Handwerker in den letzten zwei Jahren verzeichnen.

Ziele verfolgen, Stärken nutzen

Die Ziele der Bürgergruppe sind: Leerstände verringern, historische Gebäude erhalten und sanieren, Bausünden beseitigen und vermeiden, bezahlbaren Wohnraum für individuelles Wohnen schaffen. Dabei wird im Dialog mit den Bürgern versucht, die Neubürger so schnell wie möglich zu integrieren. Hier kommen der Stadt ihre Stärken und der agile Bürgermeister zugute. Eine hohe Bereitschaft an ehrenamtlicher Arbeit, gute sozialer Infrastruktur, familienfreundliches Umfeld, gelebte Ökumene, intakter Schulstandort, familiäre Kindertagesstätten, eine bühnenreife Gästeführerzunft, starker Tourismus durch sensiblen Umgang mit den Besonderheiten des Mittelgebirges am Fluss, seniorengerechte Unterkünfte und Wohneinheiten und ein privater Stromversorger mit hohem Anteil an Wasserkraftenergie in waldreicher und zentraler Lage in Deutschland, sind nur einige Stärken. Dass in der Mitte Deutschlands kein Fluglärm herrscht und die nächste Autobahn 35 Kilometer entfernt liegt, ist ebenfalls ein Standortvorteil.

Eigenes Sanierungsobjekt

Aber die Mitglieder der Gruppe können nicht nur reden, sie legen auch selbst Hand an. Mit der Sanierung der Uraltschule, einem klassizistischen Gebäude aus dem Jahr 1843, haben sie eigenes Projekt auf den Weg gebracht. Jeden Mittwoch treffen sich Mitglieder und handwerklich begabte Helfer in dem städtischen Gebäude, um nach und nach Fenster, Türen, Böden und Wände zu restaurieren. Dabei wird vor allem Wert auf stilgerechte Sanierung der vier Schulräume gelegt, die später einmal für Kulturveranstaltungen von den Wanfrieder Bürgern genutzt werden sollen. Finanzielle Unterstützung gab es vom Land Hessen, von Banken, Privatleuten und durch Spendenaufrufe der Bürgergruppe.

Musterhaus, Finanzierung und praktische Nutzung

Die Stadt Wanfried setzt zurzeit vor allem auf Historie und Fachwerkbaukultur. Im Februar 2010 wurde während einer Sitzung der Bürgermeister der interkommunalen Kooperation „Mittleres Werratal“ im Förderprogramm Stadtumbau West über die Verwendung frei gewordener Fördergelder gesprochen. Ein Teil des Geldes sollte für ein Fachwerkmusterhaus verwendet werden. Die Abrechnung der Fördergelder musste bis Ende 2010 erfolgen. In einer so kurzen Zeit das geeignete Objekt zu finden, Planungen zu erstellen und das Projekt durch die städtischen Gremien zu bringen, war für die Stadtoberhäupter undenkbar. Allein Bürgermeister Gebhard traute seiner Kommune diesen „Drahtseilakt“ zu. „Wir schaffen das“, sagte er mutig, weil er sich auf die Hilfe seiner Bürgergruppe verlassen konnte. So kam das Fachwerkmusterhaus Wohnen nach Wanfried.

Als geeignetes Objekt wurde ein jahrzehntelang leer stehendes Fachwerkhaus am historischen Platz „Auf der Börse“ ausgemacht. Seit April 2010 sind die Arbeiten im Gange. Realisierbar wurde das Projekt in der Kürze der Zeit nur durch die kostenfreie Mitarbeit der Bürgergruppe, die das geeignete Haus fand, bei der Planung mit im Boot war, die Bauarbeiten betreut und auch nach Fertigstellung das Projekt betreut. Im und am Musterhaus werden verschiedene Wandaufbauten, Dämmung, neue und alte wohngesunde Baumaterialien vorgestellt. Dafür rührte die Bürgergruppe auf der Denkmal 2010 in Leipzig die Werbetrommel und konnte für das Projekt Musterhaus namhafte Baustoffhersteller gewinnen, die sich mit neuesten Baumaterialien und Know-how beteiligen. Gute und enge Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte e. V. und dem Landesamt für Denkmalpflege sind für Wanfried selbstverständlich, Netzwerke mit versierten Fachbetrieben, Baubiologen und Fachwerkfreunden werden immer weiter vorangetrieben.

Das Land Hessen und der Bund geben 73,16 Prozent Förderung aus dem Programm „Stadtumbau West“, damit bleiben der Stadt noch 26,84 Prozent, die sie aus ihrem Haushalt finanzieren muss. Das sind etwa 67.000 Euro bei geschätzten Baukosten von 250.000 Euro. Die ausführenden Handwerksbetriebe haben ihre Angebote zugunsten des Musterhauses so gering wie möglich gehalten. In Mitmach-Seminaren werden Teile des Innenausbaus kostengünstig ausgeführt und so eine praktische Nutzung innerhalb der Bauphase gewährleistet. Das Fachwerkmusterhaus ergänzt die Vermarktungsstrategie von Bürgermeister Wilhelm Gebhard, der damit zeigen kann, welche Lebensqualität durch Fachwerk möglich ist.

Bundesministerium fördert Gruppenarbeit

Dies alles blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen. Fernseh- und Radiosender, Die Welt, F.A.Z. und viele andere berichteten über das „Erfolgsmodell gegen den demografischen Wandel.“ Ministerien, Denkmalpfleger und Demografiebeauftragte interessieren sich für die Bürgergruppe, geben sich die Klinke in die Hand. Auch Oda Scheibelhuber, Leiterin der Abteilung „Stadtentwicklung, Raumordnung und Wohnen“ vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung aus Berlin besuchte Wanfried. „Hier passiert praktisch, was wir theoretisch im Ministerium diskutieren“, sagte sie im Oktober 2010 und stellte der Bürgergruppe für Öffentlichkeitsarbeit eine Fördersumme von 45.000 Euro in Aussicht, die sie mit Bewilligungsbescheid vom März 2011 einlöste. Ein Teil des Geldes wird nun für die Präsentation der Bauarbeiten im Fachwerkmusterhaus verwendet. Der Rest dient zur Erstellung von Flyern, Teilnahme oder Ausrichtung von Seminaren und Vorträgen und zum Aufbau von Netzwerken.

Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit

Bürgermeister und Bürgergruppe empfangen immer mehr Besuchergruppen vor Ort, halten Vorträge, besuchen Messen, bilden Netzwerke und informieren über ihre Arbeit im Internet. Vertreter aus Bundesministerium, Landesregierung, Landesdenkmalrat und Denkmalpflege waren in Wanfried und preisen die Vorgehensweise der kleinen Stadt an der Werra als Modellstadt mit Zukunft an. Das Fachwerkmusterhaus wurde bereits beim „Tag des offenen Denkmals“ im September 2010 und 2011 für Besucher geöffnet. Die Seminare werden auch von der nahen Berufsschule als „Lehrbaustelle“ genutzt. Nach Fertigstellung im Frühjahr 2012 wird ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des VDK Ortsverbandes Hessen im Präsentationsraum des Musterhauses sein Büro gemeinsam mit der Bürgergruppe einrichten. Dokumente, Fotos und Pläne des Umbaus werden dort zu sehen sein, regelmäßig sind Veranstaltungen rund um das Thema Fachwerk geplant. Zudem nehmen Stadt und Bürgergruppe an der Fachwerk-Triennale 2012 teil.

Gute Aussichten

Mit dem Fachwerkmusterhaus und durch die Arbeit der Bürgergruppe wurde bei vielen Menschen das Bewusstsein für das Besondere am Wohnen in historischen Häusern geweckt. Von den 21 leer stehenden Fachwerkhäusern der Altstadt sind heute noch fünf übrig. Und auch dafür gibt es schon Interessenten, die sich vielleicht für ein Wohnen und Leben in Wanfried entscheiden werden. Denn Bürgermeister Gebhard weiß und sagt es jedem:

„Wenn Sie sich verbessern wollen, dann ziehen Sie nach Wanfried!“

Information: www.wanfried.de

Alte Häuser in Großburschla sollen Grünflächen weichen (Juli 2011)

In der Ortsmitte von Großburschla sollen neue Grünflächen entstehen, aber zuvor müssen Häuser abgerissen werden. Dank der Städtebauförderung ist finanzielle Unterstützung in Sicht, nun müssen noch die Eigentümer verkaufen.

Großburschla. Das Auto hatte keine Chance. Mit Wucht donnerte die Hauswand vom leer stehenden Gebäude an der Straße Bei der Schule herunter und begrub das Fahrzeug unter sich. Totalschaden. Glück im Unglück. Es saß niemand am Steuer. Der Schaden wurde mittlerweile reguliert und das Haus abgerissen.

Dennoch: Großburschla ist reich an leer stehenden Wohngebäuden. Die Eigentümer wohnen meist in der Ferne. Keine Mieter oder keine Möglichkeit, die Bausubstanz zu erhalten: In den letzten Jahren nagte an zahlreichen Häusern rund um die alte Schule im Ortszentrum der Zahn der Zeit.

Kein schöner Anblick für die Bewohner und Besucher, aber auch Gefahr für Leib und Leben. Und nicht zuletzt fühlt sich manches Getier in den Ruinen recht wohl.

Das soll sich ändern. Gemeinsam mit der hessischen Gesellschaft "Wohnstadt", die über eine Niederlassung in Weimar verfügt, will die Stadt Treffurt das Gebiet "Alte Schule" weiträumig herrichten. Doch dazu ist es erforderlich, dass einige Häuser unter den Abrissbagger kommen.

Stadt und Eigentümer müssen sich allerdings einig sein. Und: Das alles kostet Geld. Aber es gibt Hilfe vom Land Thüringen. Großburschla wurde ebenso wie die Kernstadt Treffurt in das Programm "Städtebauförderung" aufgenommen. So ist es auch möglich, so genannte Missstände mit Unterstützung des Freistaates zu beseitigen.

"Wir haben uns mit den Eigentümern von solchen Altbauten nach einer vorbereitenden Untersuchung in Verbindung gesetzt und sie informiert, dass die Stadt Interesse zeigt, die Grundstücke samt Bebauung aufzukaufen", so Iris Streichardt, Wohnstadt-Bauingenieurin. Auch Bürgermeister Michael Reinz (pl) hofft, dass sich das Ortsbild besonders im Ortszentrum bald verbessern wird.

Allerdings ist die Stadt verpflichtet, den Kaufpreis über ein Gutachten ermitteln zu lassen. Dieser Aufgabe wird sich der Gutachterausschuss des Wartburgkreises annehmen. Einige tausend Euro kann solch ein Gutachten kosten. Aber auch da hilft die Städtebauförderung. Werden sich Hausbesitzer und Stadtverwaltung mit dem Kaufpreis einig, dann steht der Neugestaltung nichts mehr im Wege. Einen Teil der Kosten für den Abriss übernimmt ebenfalls das Land. An eine Wiederbebauung von frei werdenden Flächen denkt die Stadtverwaltung nicht. Viel Grün soll entstehen. "Das ist so etwas wie die gute Stube dort für Großburschla", weiß Iris Streichardt den Ortskern zu schätzen. Der Bereich "Alte Schule" muss im Anschluss an die Abrissarbeiten behutsam entwickelt werden. Vielleicht springen aber noch einige Stellflächen für Anwohner heraus. Drei Eigentümer haben bereits Interesse gezeigt, ihre Häuser zu verkaufen.

Die genauen Termine zu den Sprechtagen des Sanierungsträgers in der Stadt sind in den Schaukästen zu lesen oder im Rathaus zu erfragen.

Heiko Kleinschmidt / 13.07.11 / TA

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